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Rezension: Grundlagen der Chinesischen Medizin

Verantwortlicher Autor: Bianca Bell-Chambers Korschenbroich, 30.11.2016, 18:12 Uhr
Presse-Ressort von: Bianca Bell-Chambers (BBC) Bericht 5679x gelesen
Grundlagen der Chinesischen Medizin
Grundlagen der Chinesischen Medizin  Bild: Elsevier GmbH

Korschenbroich [ENA] Giovanni Maciocia gilt als einer der renommiertesten Ärzte der Chinesischen Medizin außerhalb von China. Als Gast-Professor lehrt er an der Nanjing Universität für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Er ist Akupunkteur und TCM-Kräuterspezialist.

Die dritte Auflage des Buches „Grundlagen der Chinesischen Medizin“ (Originaltitel: The Foundations of Chinese Medicine) erschien am 10. Oktober 2016 als gebundenes Buch im Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH unter der ISBN 9783437565816 in deutscher Sprache. Das Fachbuch kostet 159,99 und umfasst 1328 Seiten. Es beginnt mit dem Hinweis auf zusätzliche Lernmaterialien, welche online verfügbar sind.

Nach dem Vorwort und Anmerkungen zur Übersetzung der chinesischen Fachbegriffe folgt ein Vorwort der Übersetzerin und das 16-seitige Inhaltsverzeichnis. Die allgemeine Theorie der chinesischen Medizin beschreibt der Autor auf 70 Seiten. Dabei widmet er sich dem Wesen von Yin und Yang, den vier Aspekten der Yin- und Yang-Beziehung „Gegensätzlichkeit, gegenseitige Abhängigkeit, wechselseitiger Verbrauch und wechselseitige Umwandlung“ sowie der Anwendung in der Medizin.

Giovanni Maciocia erklärt detailliert die fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser und deren grundlegende Eigenschaften und die Bedeutung für die Chinesische Medizin. Dabei beschreibt er die Fünf Elemente in Bewegung, die Stadien im Jahreszeitenzyklus und die gegenseitigen Wechselbeziehungen. Er führt die Entsprechungen im Mikro- und Makrokosmos auf und ordnet sie den Organen zu. Dabei geht er auch auf die Fünf Elemente in der Diagnostik und Therapie ein.

Die vitalen Substanzen „Essenz, Qi, Blut, Körperflüssigkeiten und Geist“ werden ausführlich dargelegt und mit praktischen Tipps und Hinweisen sowie Grafiken untermalt. Kreisläufe und Abhängigkeiten sind in vielen Grafiken visuell aufgezeigt. Im letzten Kapitel der Allgemeinen Theorie befasst sich der Autor mit Umwandlungen des Qi und dessen Aggregatszuständen. Die Zusammenfassung am Ende der Kapitel ist knapp gehalten.

Der zweite Teil des Buches ist den Funktionen der inneren Organe gewidmet. In drei Abschnitten werden die Funktionen der Yin-Organe, der Yang-Organe und die Funktionen der sechs außerordentlichen Yang-Organe beschrieben. Dabei geht Giovanni Maciocia auf den Zusammenhang mit vitalen Substanzen, Gewebearten, Sinnesorganen und -wahrnehmungen, Emotionen, spirituellen Aspekten, Klima, Flüssigkeiten und den äußeren Manifestationen ein. Er legt ausführlich dar, welche Auswirkungen gestörte funktionelle Abläufe bestimmter Organe auf den gesamten Organismus haben und wie sie generell behoben werden können.

Im dritten Teil des Buches beschreibt der Autor innere (emotionale) Krankheitsursachen wie Traurigkeit, Angst und Schock. Die Zusammenhänge zu körperlichen Auswirkungen werden beschrieben und mit Hinweisen für die Praxis unterlegt. Als äußere Krankheitsursachen gelten natürliche klimatische Erscheinungen wie Wind, Kälte, Feuchtigkeit oder Erreger wie Viren und Bakterien und künstliche Klimaerscheinungen wie Klimaanlagen, Kühlräume und heiße Küchen sowie weitere Einflüsse.

Als andere Krankheitsursachen gelten in der Chinesischen Medizin neben weiteren ein Mangel an körperlicher Betätigung oder körperliche Überanstrengung, Überarbeitung, unausgewogene sexuelle Aktivitäten, angeborene funktionelle Beeinträchtigungen, Nahrungsmittel, Trauma, Medikamente, Drogen und falsche Behandlungen. Der Autor definiert die Begriffe, zeigt Auswirkungen auf und gibt praktische Hinweise zu ursächlichen Zusammenhängen. Praktische Hinweise lauten beispielsweise: „Übermässiges Sitzen verletzt die Muskeln (d. h. die Milz).“ oder „Exzessives Stehen verletzt die Knochen (d. h. die Niere).“ und „Übermässige körperliche Betätigung verletzt die Sehnen (d. h. die Leber).“ Zusammenhänge wurden in vorherigen Kapiteln ausführlich behandelt.

Auf 88 Seiten beschreibt der Autor umfangreich die chinesische Diagnostik durch Betrachten, Befragung, Palpation (Untersuchung) sowie Hören und Riechen. Betrachtet werden neben den körperlichen Merkmalen (Form, Farbe, Glanz usw.) auch die Haltung und Bewegung. Dabei wird insbesondere bei den Extremitäten auf Lähmungen, Kontraktionen, Spastiken, Starre und weiteres geachtet.

Detailliert beschreibt Giovanni M. die Entsprechung zwischen einem einzigen Teil des Körpers und dem Ganzen. Bei der Beschreibung der Betrachtung in der Diagnostik erklärt G. Maciocia was mit der Betrachtung des Geistes in der Chinesischen Medizin gemeint ist. Ausführlich erläutert er, auf welche Merkmale von Kopf, Augen, Haut und Haaren geachtet wird. Er beschreibt, welche körperlichen Anzeichen auf Erkrankungen hinweisen können.

Der Befragung kommt in der Chinesischen Medizin eine große Bedeutung zu. An dieser Stelle erklärt der Autor wie wichtig es ist, die richtigen Fragen zu stellen. Er erläutert welche Schwierigkeiten es bei der Befragung und Interpretation geben könnte und listet eine Vorgehensweise auf. Neben den wichtigsten Fragen zu verschieden körperlichen Bereichen führt Giovanni M. unterstützende Tabellen an, die zum Beispiel Faktoren beschreiben, die sich auf Schmerzen auswirken.

Die Pulsdiagnose als wichtiges Mittel der Untersuchung wird vom Autor ausführlich beschrieben. Dabei führt er auch die Nachteile dieser Methode und die klinische Bedeutung auf. Bei der körperlichen Untersuchung werden Akupunkturpunkte und Leitbahnen einbezogen. Die körperliche Untersuchung beinhaltet in der Chinesischen Medizin die Pulsdiagnostik, die Begutachtung von Haut, Extremitäten, Thorax, Abdomen und Akupunkturpunkte. Alle Bereiche sind in diesem Buch gut beschrieben.

Die Diagnose durch Hören und Riechen fällt auf vier Seiten knapp aus. Giovanni Maciocia geht auf Auffälligkeiten der Stimme und Atmung sowie auf Seufzen, Aufstoßen, Schluckauf, Erbrechen, gluckernde Geräusche und Husten ein. Beim Riechen beschreibt er Auffälligkeiten beim Körpergeruch und beim Geruch der Körpersekrete nach den Fünf Elementen in der Chinesischen Medizin.

Im Kapitel „Pathologie von Fülle- und Leerezuständen“ befasst sich der Autor mit äußeren und inneren pathogenen (krankhaften) Faktoren der Chinesischen Medizin. Hierbei geht er umfangreich auf Fülle- und Leere-Zustände ein. Bei der Pathologie des Yin-Yang Ungleichgewichtes beschreibt er neben Ungleichgewichten auch Hitze-Kälte-Muster, Umwandlungen und Interaktionen sowie Therapieprinzipien. Mit der Pathologie des Qi-Mechanismus befasst er sich ausgiebig.

Ein großer Teil des Buches (379 Seiten) befasst sich mit der Identifikation von Krankheitsmustern nach verschiedenen Bereichen. Diese unterteilen sich in die „Acht Prinzipien“, „Qi, Blut und Körperflüssigkeiten“, „Innere Organe“, „Pathogene Faktoren, Sechs Stadien, Vier Schichten, Drei Erwärmer“ und „12 Leitbahnen, Acht Außerordentliche Gefässe, Fünf Elemente“.

Auf 346 Seiten werden die Akupunkturpunkte sehr genau beschrieben. Im Kapitel „Therapieprinzipien“ werden Diagnosemethoden, die Identifikationen von Krankheitsmustern, Wurzel und Manifestation und Fülle und Leere aufeinander aufbauend zusammen geführt. Anhand von Fallbeispielen zeigt Giovanni M. die Unterschiede zwischen Akupunktur- und Arzneimitteltherapie bei der Anwendung der Therapieprinzipien auf. Anschliessend befasst er sich im letzten Kapitel mit den Prinzipien der Punktkombination in der Akupunktur.

Der Anhang umfasst Arzneimittelrezepturen aus der Chinesischen Medizin, ein Glossar chinesischer Begriffe in Deutsch-Pinyin, ein Literaturverzeichnis, die Klassiker der Chinesischen Medizin, die Chronologie der chinesischen Geschichte, Fragen und Antworten zur Selbstkontrolle, ein Sach-, Rezeptur- und Punktregister und Farbtafeln mit pathologischen Zuständen von Zunge und Haut.

Das umfangreiche Buch ist klar strukturiert. Für visuelle Lerntypen sind die vielen Grafiken eine hilfreiche Unterstützung. Der Titel des Buches lautet „Grundlagen der Chinesischen Medizin“ und nicht wie üblich „Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)“. Ich interpretiere es so, dass der erfahrene Praktiker Giovanni Maciocia nicht nur auf traditionelle Verfahren zurück greift, sondern auch neuere Ansätze mit einbezieht. Bei der Befragung des Patienten führt er beispielsweise drei neue Fragen für westliche Patienten ein. Diese umfassen Emotionen, sexuelle Symptome und die Leistungsfähigkeit.

Giovanni Maciocia gibt neben hilfreichen Erläuterungen auch kritische Einwände beispielsweise zur subjektiven Auslegung der Pulsdiagnose. Das gefällt mir sehr gut. Gut gefallen mir auch die graphischen Darstellungen, welche teilweise selbsterklärend den tieferen Sachverhalt untermauern. Dies erleichtert dem Leser das Verstehen der Zusammenhänge auf einen Blick. Die praktischen Hinweise und kurzen Zusammenfassungen am Ende des Kapitels finde ich sehr hilfreich.

Das Buch ist als Lehrbuch und Nachschlagewerk gleichermassen geeignet. Ich empfehle es für Menschen, die medizinisch avisiert sind und sich mit alternativen Heilmethoden befassen. Als Einstiegsbuch in die Chinesische Medizin halte ich es für Personen geeignet, die tiefer in die Materie einsteigen wollen. Neulinge, die sich schnell einen Überblick verschaffen wollen, können leicht von der Masse und Tiefe des Materials überflutet werden. Das Werk überzeugt durch ausführlich dargestelltes Fachwissen, hilfreiche Grafiken, wertvolle praktische Hinweise und knapp gehaltene Zusammenfassungen.

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